Es war eine lässige Zeit ...

Schreibende Hand
08.04.2021 | Job des Monats

Es war eine lässige Zeit ...

Beide hatten mit 19 Jahren ihr eigenes Zimmer und waren dank Führerschein das erste Mal mobil – für die jungen Männer ein erster großer Schritt in die Selbstständigkeit. Der renommierte Psychiater Herwig Oberlerchner und dessen Sohn BWL-Student Timon waren Zivildiener in der Diakonie de La Tour. Sie berichten von ereignisreichen und prägenden neun Monaten

Foto: Gerhard Maurer

Fast 40 Jahre liegen zwischen den beiden Zivildienstleistenden. Herwig Oberlerchner hatten 1983 begonnen und sein Sohn Timon 2018. Beide arbeiteten in unterschiedlichen Bereichen. Herwig Oberlerchner war im Wohnbereich für Menschen mit Behinderungen in Treffen tätig und verlängerte bis zum Beginn seines Studiums sogar noch ein paar Monate als Behindertenhilfsbetreuer. Sein Sohn war in einer Kinder- und Jugend-WG in Waiern.

Der Weg zum Zivildienst war für beide unterschiedlich. Der Vater musste damals die sogenannte Gewissensprüfung ablegen und begründen, warum er nicht zum Bundesheer wollte. Stichworte wie „Gewaltfreie Kommunikation“ oder „Mahatma Gandhi“, waren damals gute Argumente um nicht zum Bundesheer zu gehen. Herwig Oberlerchner hatte aber zusätzlich vorgesorgt und ein psychologisches Gut- achten organisiert. Außerdem ging er persönlich zu Roland Ratz, dem damaligen Rektor der Diakonie in Treffen, und bat ihn um eine Zivildienststelle. „Da war der Rektor sehr entgegenkommend. Ich glaube, ich war einer der ersten Zivildiener in der Diakonie.“ Diese Entscheidung wurde auch von seiner Familie sehr mitgetragen. „Meine Mutter hat von Anfang an gewusst, dass bei mir alles in Richtung Medizin, Psychologie, Soziologie geht.“ Seinem Sohn wollte er die Entscheidung aber nicht abnehmen. „Ich habe es ihm freigestellt. Aber ich habe gesagt, dass es schon eine
Herausforderung ist, längerfristig mit Menschen zusammen zu arbeiten.“

Für Timon war das Bundesheer aber nie eine Option:

„Ich habe immer gewusst, dass ich Menschen helfen will. Für mich war schon ganz früh klar, dass ich den Zivildienst absolvieren will.“ Timon Oberlerchner

Als Zivildiener, so Timon, ist es wichtig, eine gewisse Sensibilität zu haben und einfühlsam zu sein. Wenn die Kinder und Jugendlichen einen schlechten Tag gehabt haben, hat er viel zugehört und hat sich bei Team- besprechungen eingebracht und auch teils schwierige Themen angesprochen. Für ihn ist der Unterschied zwischen Bundesheer und Zivildienst ganz klar: „Beim Bundesheer bekommt man einen Befehl und den führt man aus. Beim Zivildienst muss man sich selbst Gedanken machen, wann man welche Aufgaben erledigen muss. Man ist viel eigenständiger und trägt deutlich mehr Verantwortung.“ So musste er pünktlich sein, wenn er gemeinsam mit der Betreuerin oder dem Betreuer die WG-Bewohnerinnen und -bewohner von der Schule bzw. der Lehrstelle abholte oder sie zu Arztterminen oder Therapiesitzungen gebrachte. Auch der Lebensmitteleinkauf war ein fixer Bestandteil seiner Arbeitswoche. Er spielte viel mit den Kindern und Jugendlichen im Freien und in der WG und hatte ein offenes Ohr für sie.

In Treffen in der damaligen Meierei war sein Vater für die unterschiedlichsten Aufgaben zuständig. So begann er seinen Tag mit der Weckrunde, half den Bewohnern beim Anziehen, Rasieren und einigen beim Zähneputzen. Im Hauptgebäude wurde gemeinsam gefrühstückt. „Von der Köchin Resi gab es dort ihren sagenhaften Zusatzkaffee. Der war so grauslich, dass ich nach neun Monaten sogar Sehnsucht danach gehabt habe – man hat sich so daran gewöhnt“, der Psychiater schmunzelnd. Im Anschluss gingen viele Bewohner zur Beschäftigungstherapie. All jene, die dort nicht hingingen, halfen Herwig Oberlerchner beispielsweise bei der Stallarbeit, bei Einkäufen und beim Putzen der Zimmer. Außerdem waren Hol- und Bringdienste ein Teil seiner Tätigkeiten.

Der Facharzt für Psychiatrie hatte vor seiner Zivildienstzeit kaum Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderungen. Der Anfang war dennoch leicht, so Herwig Oberlerchner: „Es war ein unkompliziertes herzliches Aufeinanderzugehen. Die Bewohner haben mich umarmt und gleich gefragt, wann sie zu mir aufs Zimmer zu Besuch kommen dürfen.“

„Ich habe sie sehr gern gehabt und mit einigen habe ich bis heute noch Kontakt.“ Herwig Oberlerchner

Auf den Sohn haben die Kinder und Jugendlichen in der WG unterschiedlich reagiert. „Ich war damals 19, hatte Matura und deshalb fanden mich einige recht cool. Viele waren zu Beginn vielleicht genau deshalb schon sehr zugänglich. Bei anderen hat es etwas gedauert, bis wir eine Vertrauensebene aufbauen konnten.“

Schlussendlich kann ich mit Stolz sagen, dass ich mit jedem eine nette Verbindung aufbauen und auch das Vertrauen erlangen konnte – das war ein Wahnsinnsgeschenk!“ Timon Oberlerchner

Die ersten zwei bis drei Wochen waren dennoch eine große Umstellung für den BWL-Studenten. „Das ganze Umfeld war neu, ich wusste noch nicht, wie ich mit den Kindern und Jugendlichen umgehen soll. Jeder Einzelne hat eine bestimmte Vorgeschichte mit schwierigen Familienkonstellationen, keiner von ihnen hat es leicht im Leben gehabt. Mich hat das zu Beginn schon sehr mitgenommen.“ Für Timon war es deshalb besonders wichtig, das Beste aus dieser Zeit herauszuholen. So war es ihm ein Anliegen, schöne Momente, an die man sich gerne zurückerinnert, für alle Beteiligten zu gestalten. Sein Vater war zusätzlich eine große Stütze und hat zugehört, wenn Timon etwas besonders beschäftigte. Herwig Oberlerchner: „Er ist, so wie ich damals zu meiner Mutter, angeregt und voller Eindrücke heimgekommen und hat mir erzählt, wie es ihm mit diesem herausfordernden Verhalten mancher Kinder- und Jugendlicher erging.“ „Hin und wieder wurde es lauter“, erinnert sich der Sohn. „Türen wurden geschlagen und die Kinder und Jugendlichen haben herumgeschrien. Bei Streitereien war es besonders wichtig, diese zu schlichten – aber das war auch nicht immer so einfach ... Da konnten die Betreuerinnen und Betreuer das oft etwas schneller regeln.“ Streitigkeiten gab es auch vor knapp 40 Jahren in der Meierei bei seinem Vater. Auch hier war es wichtig, die beiden Konfliktpartner zusammen zu holen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Herausfordernd für den Vater war der Umgang mit dem eigenen Ekel. „Ich kann mich auf unser erstes gemeinsames Abendessen erinnern“, so der Psychiater. „Mich hat es da gereckt ... Ich bin zwischen zwei Bewohnern gesessen und es ist der Milchreis runter geronnen. Das war wirklich schwierig durchzuhalten.“ Und er erklärt weiter: „Außerdem hat es in der körperbezogenen Pflege Situationen gegeben, da habe ich nicht mehr gewusst, wie ich das bewältigen kann. Dienstags und donnerstags war Dusch- und Badetag. Ich habe insgesamt 45 Personen gewaschen – oft konnte ich danach nicht mehr gehen und stehen. Viele waren selbstständig und ich musste dabei nur ein Shampoo reichen, aber einige waren aufgrund von Inkontinenz Pflegefälle.“ Damals gab es noch kein Arbeitszeitgesetz und 65-Stunden-Wochen waren manchmal seelisch und körperlich sehr herausfordernd für den Psychiater: „Zum Schluss war ich irgendwie erschöpft, ausgebrannt. Ich habe dann gemerkt, dass ich den Job länger nicht machen könnte und wie sehr das dann doch an die Substanz geht.“

„Es waren unheimlich viele und intensive Erlebnisse und ich möchte keines missen. Vor allem dadurch, dass ich ja im Haus gewohnt habe, war eine unglaubliche Nähe mit den Bewohnern da.“ Herwig Oberlerchner

Das Thema Sexualität war zu der damaligen Zeit ein Tabuthema. „Selbstbefriedigung war ein wichtiges Ventil, außerdem hat es kleine Paarbeziehungen gegeben. Sexualität haben die Bewohner alle auf ihre eigene Art und Weise gelöst. Ein Bewohner hat zum Beispiel aus Zeitschriften Frauen ausgeschnitten und neben sich auf den Kopfpolster gelegt.“

In der Kinder- und Jugend-WG in Waiern gab es auch einige Fragen zum Thema Sexualität. Timon war bemüht, sehr offen damit umzugehen und hat die Fragen sehr ehrlich beantwortet. Durch den geringen Altersunterschied war es für die WG- Bewohnerinnen und -Bewohner leichter, mit Timon darüber zu sprechen. Für den BWL- Studenten war es sehr wichtig, für die Kinder und Jugendlichen da zu sein. „Das schönste für mich war, wenn ich Zeit hatte, um mich auf eine Person zu konzentrieren, um diese besser kennenzulernen und mit ihr in Ruhe zu reden.“ Auch auf einen Ausflug zum St. Veiter Wiesenmarkt erinnert sich Timon sehr gerne zurück. „Man hat gesehen wie viel Spaß die Kinder und Jugendlichen hatten und ich war mittendrin und das hat mich sehr gefreut.“

„Spaß hatte ich eigentlich jeden Tag! Es gab so viele schöne Momente gemeinsam in der WG.“ Timon Oberlerchner

Auch der Vater hat während seiner Zivildienstzeit viel Schönes erlebt. „Einmal bin ich mit einigen zu meiner Mama hinauf zum Millstätter See gefahren. Dort haben wir auf der Terrasse Kaffee und Kuchen bekommen. Ein Bewohner hat sofort meine Mutter geschnappt und Polka getanzt – das war wie ein Reflex! Kaum war Musik da, waren sie in Bewegung. Wir haben auf diese spontane Art und Weise mit den Bewohnern der Meierei ganz viele Vorurteile abgebaut.“

Für den Psychiater war die Zeit in der Diakonie wegweisend. „Als ich mit dem Zivildienst begonnen habe, wusste ich zwar schon, dass es eher in Richtung Medizin gehen wird, aber mehr noch nicht ... Hannes, ein schizophrener Bewohner, hat mein Interesse für das medizinische Fach der Psychiatrie geweckt. Mit ihm Schach zu spielen war sensationell. Er hat oft nicht gewusst, wie er die Figur platzieren soll, weil die eine Tendenz hier und die andere dort war. Dann hat er wieder laut vor sich hingeredet – er war also chronisch produktiv und halluzinant. Hannes war ein faszinierender Mensch in einer faszinierenden Welt. Durch ihn habe ich auch meine Skepsis gegenüber Psychopharmaka verloren, weil ich gemerkt habe, wie hilfreich sie für Hannes waren. Wenn er seine Medikamente nahm, konnte ich mit ihm Schachspielen – nahm er sie nicht, war er sehr abgelenkt, hat vor sich hingeredet und war überhaupt nicht präsent. Generell gab es in der Meierei eine bunte Mischung an Menschen mit (Mehrfach-) Behinderungen sowie chronisch und psychisch kranken Personen.“

„Ich habe erkannt, wie schön es sein kann in einer großen und vielfältigen Gemeinschaft zu leben, die trotzdem für jeden Rückzugsorte bietet und jeder seine Individualität ausleben kann.“ Herwig Oberlerchner

Vater und Sohn sind sich einig: Beide haben beim Zivildienst in der Diakonie Wichtiges für ihr Leben gelernt ...

 

Mehr zum Zivildienst unter: www.diakonie-delatour.at/zivildienst


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