Du bist nicht allein im dunklen Keller

Schreibende Hand
24.03.2020 | Seelsorge, Menschen im Alter, Menschen mit Behinderungen

Du bist nicht allein im dunklen Keller

Seine Kraft schöpft er aus dem Glauben und der Natur: Alfred Schnitzer ist Seelsorger. Sein Beruf bringt es mit sich, dass er sich seinen Ängsten stellen muss. Verdrängen geht nicht, was nicht immer leicht fällt ...

Seelsorger Alfred Schnitzer im Wald Foto: Gerhard Maurer

„Es wird eng im Hals, man spürt, dass einem die Luft wegbleibt ...“ Alfred Schnitzer beschreibt ein Gefühl, das jedem von uns bekannt ist: Angst. Als Seelsorger blicke er täglich in ihre vielen Gesichter: „Versagensangst, Verlustangst, Angst vor Krankheit und Tod oder die Angst, am Leben zu scheitern, sind alles Symptome, ie in unserer ‚Machergesellschaft‘ nur allzu gerne überspielt werden. Wer Angst zeigt, wird als schwach wahrgenommen – ein Tabubruch. Dabei gehört Angst zum Leben. Sie ist positiv, wenn sie uns vor Gefahren schützt, wenn sie jedoch dominiert, wird sie lähmend und zur Bedrohung“, sagt Schnitzer.
„Man kann nicht verhindern, dass die schwarzen Vögel über einem kreisen, man kann aber verhindern, dass sie Nester bauen“, zitiert er einen alten chinesischen Spruch, der auch von Martin Luther verwendet wurde. Darin liege viel Wahres, meint der Seelsorger.
Es gäbe unterschiedliche Wege, sich seinen Ängsten zu stellen: „Manchmal reichen schon Informationen und Fakten, dort wo Angst auftaucht. Als ich kürzlich ein Seminar für Jugendliche über Weltreligionen hielt, wurde ihr Misstrauen gegenüber dem Islam zum Thema gemacht. Im Laufe dieser Veranstaltung ist ihnen  bewusst geworden, wie wenig sie eigentlich über diese und andere Religionen wussten und dass sie auch mit der eigenen christlichen Religion nicht wirklich vertraut waren.“
Die Arbeit als Seelsorger sei vielschichtig, erzählt Schnitzer: „Ich treffe immer wieder auf Menschen, die aufgrund einer schwierigen Lebenssituation schwer belastet sind. Oft reicht es, wenn ich zuhöre. Einfach zu reden bedeutet für viele schon eine deutliche Erleichterung. Ich selbst sehe mich als Wegbegleiter. Ich sage den Menschen: ‚Ich bin in deiner Angst und deiner Bodenlosigkeit bei dir, wir gehen diese Wegstrecke gemeinsam, du bist nicht alleine im dunklen Keller.‘“ Denn in Angstsituationen brauche es ein Gegenüber, ein „du“, so Schnitzer.
„Im christlichen Sinne ist es Gott, der einem begegnet. Wir begegnen ihm durch Menschen, die uns in Krisen zur Seite stehen und uns Halt und Trost geben.“ Doch auch ihn berühren und bewegen Begegnungen ganz tief, erzählt der Seelsorger: „Als mich eine krebskranke Frau, deren Leben durch Schicksalsschläge geprägt war, fragte, warum Gott das zulasse, konnte ich mit ihr nur behutsam und ehrlich zwischen den Bruchstücken der Existenz nach Trost und Hoffnung suchen. Suchen mit dem, der das Leben geschaffen hat und es kennt. Als Seelsorger habe ich nicht die Antworten, aber mit Dasein, Aushalten, Gott Raum geben in Gebet und Ritualen tun sich neue Türen auf.“ Der Kontakt mit Sterbenden sei für ihn selbst nicht immer leicht. „Diese Begegnungen gehen mir schon nahe, vielleicht auch deswegen, weil sie die Ängste vor der eigenen Endlichkeit aufzeigen. Ich weiß ja nicht, wie mein eigenes Sterben aussehen wird ... Was passiert dann mit meinen Kindern? Welche Zukunft werden sie haben?
Diese Ängste würden sein Handeln jedoch nicht bestimmen: „Mein Glaube schützt mich nicht vor meinen Ängsten. Sie sind Teil meines Lebens; aber ich habe ein Grundvertrauen in mir, das mich innerlich festigt und mir Halt gibt.“
Auf dieses Vertrauen könne er sich immer wieder berufen: „Ich weiß, ich bin im Leben gehalten und falle nicht ins Bodenlose. Wenn ich falle, dann in Gottes Hand“, beschreibt Schnitzer den Stellenwert, den der Glaube für ihn hat. „Das trägt mich durchs Leben. Ich kann die Schöpfung an vielen Orten erkennen. Massiv zu spüren ist sie für mich im Wald. Dort kann ich zur Ruhe finden. Es sind die vielen schönen Erfahrungen, die ich in meinem früheren Beruf als Förster machen durfte, die mich immer wieder in die Natur führen. Daraus kann ich Kraft schöpfen. Und – was auch wichtig ist, bei meinen Gesprächen als Seelsorger: Der Wald schenkt mir Bilder. Hier kann ich riechen, schmecken, beobachten und schauen, er erweitert mein Herz und meine Sinne, und darauf kann ich in meiner Arbeit zurückgreifen.“


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