Fünf Fragen an die Psychologin …

Fünf Fragen an die Psychologin …

Ruth Zingerle

In unserer Essstörungsklinik Sarepta, die zum Krankenhaus Waiern gehört, werden Menschen mit Anorexie und Bulimie erfolgreich stationär behandelt. Basierend auf einem einzigartigen Konzept -   das auf Gewinn von Selbstwert, Identität, emotionaler und sozialer Kompetenz abzielt – werden Patienten von Experten aus unterschiedlichen Disziplinen begleitet. Dabei decken Psychologinnen und Psychologen einen wichtigen Kompetenzbereich ab. Zu diesem Team gehört Ruth Zingerle, die als Psychologin interessante Einblicke in ihren Berufsalltag gewährt.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am meisten?

Was ich an meinem Beruf wirklich liebe, ist die unmittelbare Begegnung mit Menschen, die sich für eine tiefgreifende Veränderung in ihrem Leben entscheiden, die neugierig sind, auf das, was jenseits des ihnen Bekannten liegt. Ich empfinde es als großes Privileg, jene, die sich in schwierigen, oft für sie ausweg- und perspektivenlosen Phasen ihres Lebens befinden und sich auf einen abwechslungsreichen, immer wieder auch steinigen Weg begeben, um mehr mit sich selbst in Kontakt zu kommen, begleiten und an ihrer Entwicklung teilhaben zu dürfen. Es ist berührend, in die einzelnen Welten und jeweiligen Geschichten eingeladen zu werden, um gemeinsam tiefer zu verstehen, damit sie ihre eigene Geschichte, in einer für sie guten Art und Weise weiterschreiben können. Dadurch erlebe ich mit jedem neuen Gegenüber eine ganz neue Welt. Diese Vielfalt, die individuellen Entwicklungen und kreativen Lösungswege faszinieren mich.

Was ist das Schwierigste an Ihrem Job?

Ich arbeite in einem klar definierten Setting, das zeitlich und mit seinen therapeutischen Möglichkeiten begrenzt ist. Aufgrund der emotional ohnehin schon äußerst belasteten Menschen, die aus großer Verzweiflung und mit großer Hoffnung zu uns kommen, ist es manchmal nicht leicht, aus der Fülle an Erwartungen und Sehnsüchten gemeinsame „Ziele“, bzw. einen Weg zu definieren, der in der Kürze der gemeinsamen Arbeit realisierbar ist. Vor allem bei jenen, die mit einem sehr niedrigen Gewicht in unser Krankenhaus kommen, braucht es einige Zeit, um überhaupt psychotherapeutisch arbeiten zu können, da die kognitiven und Wahrnehmungsfähigkeiten oftmals stark beeinträchtigt sind. Das bedeutet sowohl die eigenen psychotherapeutischen sowie die meist perfektionistischen und leistungsorientierten Ambitionen und Vorstellungen meines Gegenübers zurückzuschrauben, den „Erfolgsdruck“ auf beiden Seiten rauszunehmen und mit Gelassenheit zu begleiten und zu tun was möglich ist, bis sich der körperliche Zustand etwas stabilisiert hat. Die emotional tiefgehende, fruchtbare „Arbeit“ beginnt in solchen Fällen oft erst in der 3. - 4. Woche von regulären 6 Wochen stationärem Aufenthalt. Auch mit der Möglichkeit den stationären Aufenthalt zu verlängern, wünschte ich mir oft mehr Zeit zu haben.

Zusätzlich zum Zeitfaktor, sind Essstörungen sehr komplexe, persistente, systemische und dysfunktionale Lösungsversuche und meist nur die Spitze des Eisbergs. Der Einbezug der nächsten Angehörigen in Familiengespräche ist aus unterschiedlichen Gründen meist nicht in „idealen“ Ausmaß möglich. Die betroffenen Familienmitglieder können Essstörungen, die damit einhergehenden Verhaltensweisen und emotionalen Reaktionen meist nicht verstehen oder damit umgehen. Mehr Verständnis über die Komplexität sowie mehr Wissen über einen adäquaten Umgang damit, würde es den Menschen, die bei uns stationär sind, oft leichter machen, ihren eingeschlagenen Weg auch im heimischen Umfeld gut weitergehen zu können. Eine Veränderung in der Art der Begegnung innerhalb der Familie könnte die Entwicklung und das Lösen aus einer Essstörung maßgeblich beeinflussen.

Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite viel im Team und im direkten Kontakt. Jeden Morgen um 8:30 werden im Team mit Pflegekräften, Masseurinnen und unsere Stationsärztin jede Einzelne (bisher sind hauptsächlich Frauen in unserem Setting), hinsichtlich körperlicher Entwicklung und psychotherapeutischem Verlauf besprochen. Um ein möglichst umfassendes Bild von der aktuellen Verfassung der Einzelnen zu bekommen, tausche ich mich viel mit den Masseurinnen und Pflegekräften aus. Ich empfinde die verschiedenen Perspektiven und Wahrnehmungen als sehr bereichernd um den jeweiligen Menschen besser verstehen und die gemeinsame Therapie besser abstimmen zu können. Insgesamt geht es naheliegend viel um Kontakt und Beziehung. Sei es in den täglichen Gruppentherapien, in den Einzeltherapien, in Krisengesprächen, wenn gerade alles zu viel ist oder in lockeren kurzen Unterhaltungen, die nebenher stattfinden. Neben den Menschen die stationär bei uns sind, fallen durch die sechsmonatige ambulante Nachbetreuung auch viele E-Mail-Kontakte an. Wir bekommen jede Woche Berichte und Essenspläne von unseren ehemaligen Patientinnen, damit sie sich auch zu Hause weiterhin unterstützt fühlen. Diese müssen genau durchgelesen und auf eventuelle auffällige Entwicklungen überprüft und allenfalls korrigiert werden, sowie auf etwaige Schwierigkeiten im heimischen Umfeld und unterschiedliche Fragen eingegangen werden. Alle 3 Wochen kommt ein bereits entlassener Turnus wieder in unser Krankhaus zu einem Gruppentreffen, in welchem direkt auf die jeweilige Entwicklung eingegangen wird, notwendige Hilfestellungen gegeben und manchmal bereits Besprochenes einfach erneut in Erinnerung gerufen wird. Natürlich laufen neben der täglichen Arbeit auch laufend Vorgespräche um den folgenden Turnus zusammen zu stellen.

Warum haben Sie sich für die Diakonie de La Tour als Arbeitgeber entschieden?

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich ursprünglich gar nicht geplant hatte, in der Diakonie de La Tour zu arbeiten. Ich war bei der offiziellen Eröffnungsfeier der Sarepta, konnte dort Kontakte knüpfen und wurde dann zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Da ich bereits in Deutschland in einer psychosomatischen Klinik gearbeitet habe, war es mir wichtig weiterhin auf dem Fundament einer psychosomatischen Ausrichtung tätig zu sein. Ausschlaggebend dafür, dass ich die Stelle dann wirklich angenommen habe, war einerseits das grundlegende Interesse an der Komplexität „Essstörungen“ sowie die vielen Entwicklungsmöglichkeiten und die Chance aktiv bei der Umsetzung und Veränderung des Konzepts mitwirken zu können. Davon abgesehen schätze ich die humanistische Ausrichtung der Diakonie und die verschiedenen Angebote und Möglichkeiten die sie in unterschiedlichen Bereichen bietet.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es in der Diakonie de La Tour mit Ihrer Ausbildung? 

Wenn man mit Menschen zu tun hat, bedeutet das gleichzeitig mit einem grenzenlosen Lern- und Erfahrungsfeld in Berührung zu sein. Neben ganz pragmatischen Fort- und Weiterbildungen, die als Klinische- und Gesundheitspsychologin ohnedies verpflichtend sind, gibt es auch interessante Möglichkeiten die Effekte unterschiedlicher Körper- und Berührungstherapien vor allem in einem sich so körperlich ausdrückenden Kontext  zu untersuchen. Dahingehend fließt mein persönliches Interesse.