Presseinformationen der Diakonie de La Tour

Presse: Ein Feld voller Getreideähren mit vereinzelt lila Blumen

ERDBEEREN MIT SCHLAG
Große Fachtagung der Diakonie de La Tour zu Gewalt im professionellen Betreuungsalltag im Klagenfurter Lakeside Park am 12. 06 2018. 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer widmeten sich eine Thema, das leider noch oft tabuisiert wird

Personen v.l.n.r., vordere Reihe:  MMag. Susanne Prentner-Vitek, Personaldirektorin Diakonie de La Tour LHStv. Dr. Beate Prettner, Erste Landeshauptmann-Stellvertreterin, Land Kärnten Oberst Gottlieb Türk, Leiter des Landeskriminalamtes Kärnten Pfarrer Mag. Dr. Hubert Stotter, Rektor der Diakonie de La Tour  Dr. Katharina Maria Moser, designierte Direktorin der Diakonie Österreich Claudia Natmeßnig, Leitung Akademie de La Tour Personen v.l.n.r. hintere Reihe: Mag. Walter Pansi, Wirtschaftsdirektor Diakonie

Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
„Ich liebe dich:
du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht an
wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
wenn einer sagt:
„Du bist krank:
Du mußt tun, was ich sage

Erich Fried (1921-1988)

Dieses Gedicht von Erich Fried leitete die Fachtagung „Erdbeeren mit Schlag - Gewalt im professionellen Betreuungsalltag" im Klagenfurter Lakeside Park ein. Die Tagung war fachübergreifend für die Bereiche Menschen mit Behinderungen, Menschen im Alter sowie Kind, Jugend und Familie angelegt. Auf die Notwendigkeit des genauen Hinsehens ohne Tabuisierung gingen in ihren Grußworten vor über 400 Tagungsteilnehmern sowohl der Rektor der Diakonie de La Tour, Pfarrer Mag. Dr. Hubert Stotter, als auch LHStv.in Dr.in Beate Prettner und Oberst Gottlieb Türk, Leiter des Landeskriminalamtes in Kärnten, ein.  

Maßnahmen zur Gewaltprävention standen bei der Tagung im Vordergrund. Der Schlüssel dazu lautet Ausbildung und die Schaffung geeigneter Strukturen: „In all unseren Berufsbildern wird auf Gewaltprävention und Deeskalation eingegangen. Die Sensibilisierung für das Thema sowie Fortbildungen und verpflichtende Schulungen sind Teil dieses innerbetrieblichen Maßnahmenpakets,“ klärte Rektor Stotter auf. „So werden beispielsweise im Bereich Menschen mit Behinderungen alle Mitarbeitenden nach dem PART©-Deeskalationskonzept geschult und für die Begleitung von an Demenz erkrankten Menschen gibt es ein eigenes Schulungsprogramm“, führte Rektor Stotter weiter aus. „Zusätzlich schaffen wir auch räumlich und baulich die passenden Strukturen. So wurde z.B. vor wenigen Wochen in Waiern am Staberweg der Grundstein für eine moderne, den neuesten Standards entsprechende Einrichtung für Menschen im Autismus-Spektrum gelegt. All unser Wissen und unsere Erfahrung aus 16 Jahren Begleitung von Menschen im Autismus-Spektrum lassen wir bereits in die Planung des Neubaus einfließen.“ 

Wo fängt die Gewalt an? Mit dieser ethischen Fragesetzte sich Pfarrerin Dr. Katharina Maria Moser, designierte Direktorin der Diakonie Österreich, auseinander. Gewalt darf nicht sein. Gewalt ist eine Grenzüberschreitung. Gewalt wird nicht geduldet. Diese Wahrnehmung habe sich im professionellen Betreuungskontakt gefestigt, so Moser. War es früher z.B. selbstverständlich, auf aggressives Verhalten von Menschen, die in Institutionen betreut wurden, mit bewegungseinschränkenden Maßnahmen- sei es körperlich, sei es medikamentös - zu reagieren, fragt man sich heutzutage: Wo fängt die Gewalt an und wie können wir eine Balance finden zwischen der Selbstbestimmung von Klienten und ihrer (und anderer) Menschen Sicherheit? Für Moser ist das Ignorieren von Selbstbestimmung auch eine Form der Gewalt" .

Rechtliche Aspekte von Gewalt waren ein weiteres Tagungsthema und wurden von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal aufbereitet. „Recht ist immer Gewalt – aber human ausgeformte Gewalt“ so Mazal. „Deshalb empfinden wir Recht nicht als Gewalt, sondern als legitimierte und klar definierte ‚Spielregeln‘ einer Gesellschaft.“ Trotzdem stellen sich viele Fragen, wie beispielsweise: Was ist Würde wert? Welchen Schadenersatz gibt es bei Verletzung von Würde? Wo beginnt Verantwortung und wo Schuld? Dort, wo handlungsleitende Motivation nicht mehr verallgemeinerbar ist, beginnt Fahrlässigkeit. Selbstreflexion und Gewissen entscheiden die Handlungen im Spannungsfeld: Was soll ich tun - was will ich tun? Diskutiert wurde auch die Frage der persönlichen und der organisatorischen Schuld, und wer dafür haftet..

Dipl. Pädagoge Dr. Wolfgang Papenberg, Gesellschafter der PART-Training GmbH, zeigte praxisbezogene Lösungen für den Fall von Aggression und Gewalt auf. Bei Menschen mit Behinderungen, die in Werkstätten begleitet werden, gaben beispielsweise 18% an, Gewalt erlebt zu haben. Diese hohe Zahl zeigt, wie notwendig professionelles – und nicht impulsives Handeln – in herausfordernden Situationen ist. Das PART-Konzept ist hierbei hilfreich. Es ist ein Deeskalationskonzept, setzt bei Mitarbeitenden an und ist Teil eines umfassenden Arbeitssicherheitskonzeptes. Auf berufsethischen Grundlagen von Würde und Sicherheit aller Beteiligten werden Handlungskompetenzen in den Bereichen Prävention und Deeskalation erweitert, um so die Rahmenbedingungen und Strategien für einen professionellen Umgang mit Aggression und Gewalt zu schaffen.

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer (Universität Berlin, Internist und Psychiater) gab Einblicke in die Neurowissenschaften und davon ausgehend wertvolle Erklärungen, wie professionelle Helferinnen und Helfer die Auslöser von Aggression und Gewalt erkennen und entsprechend gegensteuern können. Aus neurobiologischer Sicht sind nämlich die Schmerzen bei sozialer Ausgrenzung und Demütigung dieselben wie bei körperlichem Schmerz. „Wer diese Schmerzgrenze berührt, wird Aggression ernten“, so Dr. Bauer. Soziale Ausgrenzung kann durch verbale oder körpersprachliche Zurückweisung, Attribuierungen, Stereotypisierungen, oder auch Diagnosen passieren und so ebenfalls zu Aggressionen führen. Dieses bislang wenig bekannten und beachteten Aspektes muss man sich in der täglichen sozialen Arbeit deutlicher bewusst werden. Der Referent beschrieb auch, welche Rolle das Aggressionsgedächtnis hat, d.h. wie frühkindliche Gewalterfahrungen das Verhalten beeinflussen. „Wenn man als Kind Gewalt erlebt, dann ändert das die Sicht auf die Welt in fundamentaler Weise“, so Dr. Bauer. Sich Ausdruck geben zu dürfen befriedigt und befriedet. „Nur wer seine Meinung und seine Gefühle äußern kann, wird sich wohlfühlen können“. Beim Zuhören ist darauf zu achten, dass das Gesagte auch ankommt und aufgenommen wird, auch wenn man keine Lösung parat hat.  

Am Nachmittag fanden vertiefende Workshops zu folgenden Themen und mit folgenden Referenten statt:
1) Gewalt aus neurobiologischer Sicht – Univ.-Prof. Dr. med. Joachim Bauer 
2) Gewaltprävention als Unternehmenskultur: Rechtspflichten und rechtliche Instrumente zur Implementierung – Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal
3) Das PART©-Deeskalationskonzept in Aktion – Rainer Sablotny und Jens Schikora (PART-Training GmbH)
4) Team Autismus: Handlungskonzept TEACHH – Markus Kiwitt (Team Autismus GbR Mainz) 
5) Gewalt im Kontext von Demenzbetroffenen – Mag. Christine Leyroutz (Diakonie de La Tour)
6) Gewalt im psychiatrischen Kontext – Prim. Dr. Renate Clemens-Marinschek (Diakonie de La Tour)

Vom Team Autismus berichtete Markus Kiwitt über das Handlungskonzept TEACCH. Hier ging es um die Bewertung und Analyse des Verhaltens von Menschen im Autismus-Spektrum.

Mag. Christine Leyroutz vom Altenwohn- und Pflegeheim St. Peter der Diakonie de La Tour beleuchtete das Thema Aggression und Aggressivität im Alter in ihrem Workshop und ging dabei auf Definition und Äußerung von Gewalt im Pflegebereich und den Umgang mit diesem immer noch tabuisierten Thema ein.

Primaria Dr. Renate Clemens-Marinschek vom Krankenhaus de La Tour in Treffen setzte sich mit den Teilnehmenden kritisch über Gewalt im psychiatrischen Kontext auseinander. Inhaltlich ging es dabei um aggressives und autoaggressives Verhalten sowie eventuelle Zwangs- und deeskalierende Maßnahmen im psychiatrischen Bereich.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete das kreative Bewegungstheater McBEE unter der Leitung von Sabine Wallner; das Graphic Recording der Inhalte stammt von Edith Steiner-Janesch.

Links:

https://evang.at/klagenfurt-fachtagung-zu-gewalt-im-betreuungsalltag/

https://www.evang-kaernten.at/magazin/detail/erdbeeren-mit-schlag

Die Diakonie de La Tour ist eine der größten Sozial-, Gesundheits- und Bildungsorganisationen im Süden Österreichs mit rund 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in mehr als 85 Einrichtungen in Kärnten, Osttirol und der Steiermark. Wir begleiten, pflegen und fördern Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen, Menschen mit Behinderungen und mit Assistenzbedarf, Kinder, Schülerinnen und Schüler, Menschen mit Erkrankungen und Suchtproblematiken, Menschen im Alter sowie Menschen auf der Flucht. Soziales Engagement, orientiert an christlichen Werten, wird bei uns seit über 145 Jahren gelebt. Die Diakonie de La Tour ist Mitglied der Diakonie Österreich, einem der fünf großen Wohlfahrtsverbände in Österreich.

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