„Bojen in Gefühlsstürmen“ - Kinder psychisch verletzlicher Eltern brauchen Begleitung

28.02.2019

„Bojen in Gefühlsstürmen“ - Kinder psychisch verletzlicher Eltern brauchen Begleitung

Während der Veranstaltung am Podium

(Graz, 28.02.2019) Bei einer Fachtagung „Bojen in Gefühlsstürmen“ in Graz ging es am 28.02.2019 um ein oft zu wenig beachtetes Thema: Die Begleitung von Kindern psychisch belasteter und erkrankter Eltern. Ein ganz besonderer Fokus wurde dabei auf das Patenschaftsprojekt gelegt, in dessen Rahmen die Tagung auch stattfand und das die Grazer Miteinander leben GmbH in Kooperation mit der Diakonie de La Tour seit zwei Jahren in Graz umsetzt. Bei der Tagung anwesend waren auch wichtige Vertreter der Projektförderer, für die Stadt Graz Stadtrat Kurt Hohensinner und für den Fonds Gesundes Österreich (FGÖ) Mag. Gudrun Braunegger-Kallinger.

Über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten Elke Merl, Geschäftsführerin der Miteinander Leben GmbH, und MAS Matthias Liebenwein, Geschäftsführer der Diakonie de La Tour, bei der Tagung begrüßen, darunter wichtige Entscheidungsträger wie den Leiter des Jugendamts Graz Nord-Ost, Mag. Gerald Friedrich, Dr. Martin Pauger von der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am LKH Graz II oder Mag. Karin Reis-Klingspiegel, Geschäftsführerin von Styria Vitalis. Viel Expertise brachten hier Prof. Dr. Manfred Pretis und Katja Beeck ein. Schon ihre Ausführungen waren bestärkend für die Weiterführung des eingeschlagenen Weges im Patenprojekt und gaben zur weiteren Umsetzung viele Anregungen mit. Auch in den Workshops am Nachmittag ging es um Erfahrungsaustausch, Vernetzung und das Aufzeigen neuer Wege. 

Spannend war die Projektpräsentation von Stefanie Weikhard, Projektleiterin des Patenschaftprojektes der Miteinander leben GmbH. Aktuell gibt es Patenschaften für 19 Kinder zwischen 1-15 Jahren, 25 Patinnen und Paten wurden geschult. Besonders wichtig ist die Begleitung der Familien und ehrenamtlich tätigen Patinnen und Paten. Für sie gibt es u.a. individuelle Begleitung, monatliche Gruppentreffen für Herkunftsfamilien mit ihren Kindern, regelmäßige Fachinputs und Fallintervision.

Bei der zum Projekt gehörenden Enttabuisierungskampagne konnten in elf Workshops in Schulen und Kindergärten rund 140 Pädagoginnen und Pädagogen in der Steiermark zur Sensibilisierung für die Thematik im Jahr 2018 erreicht werden.

Ziel des Patenfamilienprojektes der Miteinander leben GmbH in Kooperation mit der Diakonie de La Tour ist es, die gesunde Entwicklung der betroffenen Kinder zu fördern, indem die Kinder neue Erfahrungen in einem unbelasteten und stabilen Umfeld machen können. Dazu verbringen Patinnen oder Paten mit ihrem Patenkind einmal wöchentlich Zeit und haben die Bereitschaft, das Kind bei einem notwendigen stationären Aufenthalt des Elternteils vorübergehend bei sich aufzunehmen. Die Kinder erleben dadurch Schutz und Sicherheit, ohne zu fürchten, von den leiblichen Eltern getrennt zu werden. Sowohl Herkunftsfamilien als auch Patenfamilien werden zusätzlich durch ein Netzwerk von Expertinnen und Experten begleitet.

Das Kind erlebt Orientierung und Sicherheit und lernt einen offenen Umgang mit der Erkrankung der Eltern. Für die Eltern sinkt die Sorge, von wem das Kind in schwierigen Zeiten betreut werden kann und führt zu einer Entlastung im schwierigen Alltag.

Spannend und berührend war die im Rahmen der Tagung stattgefundene Podiumsdiskussion. Die Rückmeldungen von heute schon erwachsenen Kindern psychisch belasteter Eltern über die Notwendigkeit erweiterter Bezugswelten und Stabilität in Beziehungen unterstrichen die Wichtigkeit der Pateninitiative. Verlässlichkeit, Stabilität und Vertrauen in der Beziehung mit den Patenkindern steht auch für Patin Mag. Irene Haring- Strahser ein wichtiges Ziel dar. Und: „Es ist für die Kinder wichtig, einfach einmal Kind sein zu dürfen. Sie übernehmen ohnehin oft sehr früh viel Verantwortung in ihren Familien“.

Auch die Fachexpertinnen und –experten am Podium unterstrichen die Wichtigkeit des Patenschaftprojektes. Katja Beeck, seit über 20 Jahren in der Begleitung von Kindern psychisch erkrankter Eltern tätig, gab allen noch einen wichtigen Gedanken mit: „Kinder psychisch erkrankter Eltern leiden manchmal sehr angenehm für die Gesellschaft – sie fallen nicht auf, werden nicht aggressiv, bringen ihre schulischen Leistungen. Auch auf sie müssen wir achten, sie werden zwar zu emotionalen Selbstversorgern, aber wenn sie nicht verlässliche und stabile Hilfe bekommen, zu vergessenen Kindern“.

Diesen Gedanken hat sich Elke Merl, Geschäftsführerin von Miteinander leben besonders zu Herzen genommen. Das zeitlich befristete Patenschaftsprojekt soll weitergeführt werden, allerdings nicht mehr unter dem Namen Projekt sondern als Initiative: „Dadurch wollen wir das wichtige Ziel, die langfristige Unterstützung und nachhaltige Begleitung zum Ausdruck bringen. Denn nur so ist die wichtige stabile Beziehung gewährleistet.“

Für Matthias Liebenwein, Geschäftsführer der Diakonie de La Tour Steiermark war die Tagung ein großer Erfolg, hat sie doch auch zur weiteren Bewusstseinsbildung eines oft zu wenig beachteten Themas beigetragen. Die Tagung war für ihn aber auch ein Auftrag – nämlich sich darüber Gedanken zu machen, wie das Projekt auch in anderen Regionen im Sinne der Kinder gut umgesetzt werden kann.

Die Diakonie de La Tour ist eine der größten Sozialorganisationen im Süden Österreichs mit mehr als 1.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in rund 90 Einrichtungen in Kärnten, Osttirol und der Steiermark. Wir begleiten, pflegen und fördern Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen, Menschen mit Behinderungen und mit Assistenzbedarf, Kinder, Schülerinnen und Schüler, Menschen mit Erkrankungen und Suchtproblematiken, Menschen im Alter sowie Menschen auf der Flucht. Soziales Engagement, orientiert an christlichen Werten, wird bei uns seit über 145 Jahren gelebt. Die Diakonie de La Tour ist Mitglied der Diakonie Österreich, einem der fünf großen Wohlfahrtsverbände in Österreich.  

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